16. June 2009

Die #Zensursula-Debatte steuert in die falsche Richtung

Da geht derzeit soviel Ärgernis und Kränkung darüber, dass der Protest der Blogosphäre gegen die Sperrung kinderpornografischen Seiten mehr oder weniger ignoriert wurde, durch die deutsche Blogger-Szene, dass einige mittlerweile den Sinn der Proteste ganz und gar vergessen zu haben scheinen. War es anfangs noch das Ziel, “Strafverfolgung statt Sperrung” zu erreichen, begeben sich Blogger wie Peter Kröner (Entwickler) und Jens Grochtdreis (Initiator) nun mit dem Plugin “Zensiert zurück” auf das selbe Diskussionsniveau der Bundesregierung. Das Plugin sperrt die IP-Adressen von Parteien, Fraktionen und Ministerien von der eigenen Website und zeigt stattdessen das typische “Zensursula”-Logo.

Die gesamte Diskussion um die Sperrung kinderpornografischer Inhalte hat sich mittlerweile leider zu einem Kompetenzgerangel zwischen digitalen Freiheitskämpfern und Bundesregierung entwickelt. Ich selbst sehe zwar die Einigung der Großen Koalition ebenfalls nur als geringfügige Verbesserung und hatte mir in der Hinsicht von der SPD mehr Willensstärke erhofft, zur Zeit artet die Diskussion aber zu einer reinen Kompetenzfrage aus. Mit solchen Aktionen wird das Licht leider komplett vom Diskussionsgegenstand – dem Wohlergehen potenziell gefährdeter Kinder und der Strafverfolgung von Tätern – gelenkt, stattdessen erscheint zunehmened der Eindruck, die Blogosphäre sei einfach gekränkt darüber, dass ihre Stimme nicht auf die Art und Weise anerkannt wird, wie sie sich das gewünscht hatte. Hiermit sei keinesfalls gesagt, dass der Kampf gegen die sinnlosen Sperrmaßnahmen weiter geführt werden muss. Aber zur Zeit findet in Deutschland keine Zensur von politisch motivierten Seiten statt und es gibt auch keine Anzeichen dafür, dass dies in Zukunft geschehen wird. Somit sollte man gemeinsam (Blogosphäre und Bundesregierung) gegen Kinderpornografie kämpfen, statt sich gegenseitig auf eine dermaßen kindische Art und Weise zu bekriegen.

Das Thema hat sich ohnehin zu einem der Hauptthemen in deutschen Blogs entwickelt. Menschen, die sich vorher nie für Politik interessiert hatten, können nun dem Ideal des Bloggers nachkommen und sich gegen “Zensur” aussprechen. Andere Themen, die von weit höherer Bedeutung sind und größeren Schaden anrichten, werden links liegen gelassen – schließlich muss zuerst die Ehre der Blogosphäre wieder hergestellt werden. Das ganze steuert in die falsche Richtung. Irgendwie schade, argumentierte man anfangs doch damit, dass es der Politik gar nicht um das Wohl der Kinder ginge.

5. May 2009

Zur aktuellen Debatte über Internetzensur

In einem, da ist sich die Blogosphäre wie so oft einig: Das Sperren von Internetseiten mit kinderpornografischen Inhalten verhindert selbige nicht. Im Gegenteil: Die entwickelte Technik ließe sich in Zukunft auch auf andere Inhalte anwenden, rein theoretisch stünde einer flächendeckenden Zensur nichts im Weg. Außerdem ist diese Sperre nicht 100% sicher, wer seinen Nameserver auf einen freien DNS-Server umstellt, kann die entsprechenden Inhalte weiterhin aufsuchen. Laut unserer Familienministerin sind Nutzer mit diesen Fähigkeiten zumeist schwer pädaokriminell, aber das ist ein anderes Thema.

Nein, worum es mir bei diesem Artikel vor allem geht: Ist das Internet der richtige Ansatz, um Kinderpornografie zu verhindern? Und damit meine ich: Egal ob Zensur, Serverschließungen oder Strafverfolgung. Muss man bei diesem Thema nicht auf der Straße anfangen? Die Kinder-Darsteller kommen nicht aus Deutschland. Nicht aus der Schweiz, nicht aus den Vereinigten Staaten und auch nicht aus Großbritannien. Sie kommen aus den Problemgegenden, Thailand etwa. Die Darsteller werden nicht aus wohlhabenden Familien gerissen, um dann vor die Kamera gezerrt zu werden. Die Kinder müssen ihren Körper verkaufen, um überhaupt an Geld zu kommen und somit ihr Überleben zu sichern. Es sind Kinder, die von Armut geprägt sind. Von anderen gezwungen werden, sie bieten sich regelrecht an.
Und die Polizei: Schaut weg. Will damit nichts zu tun haben. Strafverfolgung ist bei den meistens ausländischen Tätern nicht möglich, häufig ist die Justiz selbst in Straftaten verwickelt.

Das Internet ist der falsche Ansatz. Hier kann eventuell die Verbreitung von einigen Inhalten erschwert werden, aber Kinderpornografie lebt weiter. Und selbst wenn sie mit der Internetzensur verhindert werden könnte, es gibt erstens andere Wege, zweitens läuft der Sextourismus weiter – und der ist mindestens genauso schlimm, wenn nicht noch schlimmer.

Die Kinder, die Darsteller von Kinderpornografie sind, interessiert nicht, ob diese in Deutschland zensiert wird. Wahrscheinlich kennen die meisten das Internet gar nicht, weil sie nie ein Internetcafé betreten haben, geschweige denn einen Computer besitzen.
Das Geld, das die Bundesrepublik in Internet-Sperren, Datenüberwachung (Vorratsdatenspeicherung) und ähnliches investiert, wäre bei Entwicklungshelfern besser aufgehoben. Helfer, die den Kindern, die sich nicht anders zu helfen wissen, als ihren Körper zu verkaufen, helfen. Wenn es keine willigen Darsteller mehr gibt (mir ist klar, dass es bis dahin noch ein weiter Weg ist), wird die Produktion von Kinderpornografie deutlich schwerer und gefährlicher sein. Wir sollten nicht die Verbreitung, sondern schon die “Herstellung” verhindern.

Interessante Links zur Debatte

Übrigens: Der Twitter-Account @zensurpetition informiert mehrmals täglich über die aktuelle Unterzeichnerzahl der Petition.

Dieser Artikel soll nicht zum Ausdruck bringen, dass auch in westeuropäischen Ländern Kinder missbraucht werden. Allerdings gehe ich davon aus, dass Kinderpornografie und Sextourismus vorallem in Armutsländern entstehen.